"Rein geworfen ohne Gebrauchsanweisung!"
o d e r
Wie alles anfing
Ganz Bayern war von der CSU besetzt. Ganz Bayern? Nein. Ein kleines Haus am Rande einer nicht
multikulturellen Gesellschaft versuchte der schwarzen Okkupation zu trotzen.
Es war die Zeit, eines rotgrünen Hoffnungsschimmers,
die Zeit eines potentiellen deutschen WM Titels,
die Zeit einer Möglichkeit, die deutsche Wirtschaft endgültig zugrunde richten zu können.
Und natürlich war es die Zeit - Gott sei dank - in der Deutsch HipHop schon lange nicht mehr (nur) cool war.
Wir bezogen, nach endgültig gescheiterten, diversen Schulexperimenten,
ein kleines, schön ausgebautes Gartenhaus, mitten im Wald.
Um endlich mal Ruhe zu haben: vor der Haifischgroßstadt Würzburg,
vor all den fundamentalistischen Schrebergartendikatoren und natürlich: vor uns selbst.
Ja, wir saßen so herum. Zwei Jahre.
Lagen in der Sonne auf dem Dach, lagen auf der Veranda, unter dem Dach, wir aßen Nichts, manchmal Nudeln, dann Früchtemüsli
und auch Nudeln und auch Soße dazu und brachten ab und an auch mal den Müll nach draußen.
Abends gingen wir meistens ins Bett und morgens standen wir oft auf.
Und - nun gut - irgendwann machten wir auch Musik.
Schnell war uns auch der Name unserer kleinen,
wunderschönen Kommunenoase gegeben: InSel.
Denn eine Insel wollten wir sein, eine Insel im Sumpf der gesellschaftlichen Kälte und Distanz.
Eine neue Lebensform, eine wirkliche Alternative zum gesellschaftlichen Schwarz Weiß komatösen Alltagstrott
wollten wir versuchen und bislang - streckenweise - schien es auch zu gelingen.
Die InSel verließen wir nur um essen zu kaufen,
um wählen zu gehen, oder eben für Dinge, die in solch einer seriösen Lebensbeschreibung nichts zu suchen haben.
Abends waren immer jede Menge Leute da. Immer: waren jede Menge Leute da.
Es war der Sommer 03; die Zeit der riesigen Antikriegs und Antibushproteste
und wir waren mitten drin: am Rande aller Gesellschaften, mitten drin, im Beginn von etwas Neuem, etwas ganz Außergewöhnlichem.
Nur, wussten wir noch nicht was, bzw. der deutsche Herbst war vorbei, es galt
den deutschen Frühling heraufzubeschwören.
So war uns noch nicht ganz klar, ob wir als erstes eine Revolution machen sollten,
oder erst eine Band gründen sollten. Und - unter uns gesagt - es ist uns immer noch nicht ganz klar. Ich würde mal sagen, es steht 50:50.
Man könnte es so versuchen:
Eines Abends gaben wir eine Party.
Wir luden Leute ein und aßen Nudeln mit Tomatensoße. Es war Sommer und es war heiß, weshalb
wir schon nach einiger Zeit ein Lagerfeuer einrichteten.
Simon, der - damals noch - überall und immer
Gitarre
zu spielen schien, setzte sich unlängst an dieses Feuer und spielte Gitarre.
Er
dudelte einfach
so vor sich
hin und
starrte dabei apathisch
ins
Feuer.
Maddin kam nach einiger Zeit angeschlichen.
Er setzte sich dazu. Der Maddin war ein Hip Hopper
und hatte für das apathische Gitarrengeklimpere vom Simon nicht allzu viel übrig. Doch weil es ein schöner
Sommertag gewesen war und weil sich die beiden trotz etwaiger musikalischer Differenzen doch eigentlich ganz gerne hatten, beschlossen
sie ein Lied zusammen zu singen.
MADDIN: Komm Simon, wir singen ein Lied?
SIMON: Was?
MADDIN: Wir singen ein Lied?
SIMON: Nein, wir sitzen am Feuer!
In dieser Nacht wurden - mitunter - die "stubenhocker" geboren…
Oder auch so:
Man weiß nie, wie die schönsten Sachen im Leben gekommen sind. Es hatte sich eben einfach alles so ergeben. Das ist immer so.
Man weiß es nicht. Und es ist gut so, allein schon um nicht Gefahr zu laufen, einen Mechanismus aus jener Positivität zu machen.
Wir wissen es nicht mehr, aber - bestimmt - es war wundeschön.
Aber am ehesten noch so:
Es waren die lauen Sommerabende, als wir auf den Feldern uns Sonnenuntergangstrunken, flüsternd das Leben
lobten. Es waren die Gewitternächte, als wir unter der lauthals trommelnden Plastikmarkise
auf der Veranda lagen, bis in den Morgen diskutierten und dann - fast simultan - draußen
einschliefen. Es war die kühl frische Brise, die uns an höllischen Nachmittagen auf dem Schieferdach umwehte und uns mild diese Hölle überstehen ließ.
Es waren die unzähligen Spätsommertage, an denen wir mit tausenden Freunden ununterbrochen dieses Lebensgefühl zu feiern wussten.
Es war all das - und noch soviel mehr - was wir komprimierten und verdichteten, um es
in eine Melodie, um es in Worte, in eine Zeile zu weben. Es war eben
jenes sorgenfreie Paradies, das man fast nur einmal im Leben erleben darf, das uns Halt und Zentrum war und
das uns Sehnsucht und Urkraft blieb. Jenes Paradies eben, aus dem wir Musik machten.